Was ist eigentlich Neurodivergenz?
"Irgendetwas ist anders mit mir" – diesen Satz höre ich oft in meiner Praxis. Neurodivergenz zeigt sich nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Körper. Hier erkläre ich als Ärztin, was Neurodivergenz wirklich bedeutet und warum deine körperlichen Symptome ernst genommen werden müssen.
NEURODIVERGENZKÖRPERLICHE SYMPTOME
Prof. Dr. med. Bettina Baeßler
7/11/20257 min read


Wenn dein Gehirn anders tickt – und das völlig okay ist
"Irgendetwas ist anders mit mir."
Diesen Satz höre ich so oft in meiner Praxis. Menschen, die jahrelang das Gefühl hatten, nicht richtig zu funktionieren. Die sich fragten, warum sie die Welt anders wahrnehmen als andere. Die müde sind vom Versuch, in eine Form zu passen, die einfach nicht die ihre ist.
Und die vor allem keine Psychotherapie suchen, sondern einen Arzt, der ihre körperlichen Beschwerden ernst nimmt.
Falls du dich gerade wiedererkennst: Du bist nicht allein. Und vor allem: Du bist nicht kaputt.
Heute möchte ich mit dir über Neurodivergenz sprechen – einen Begriff, der vielen Menschen endlich Antworten auf ihre lebenslangen Fragen gibt. Als Ärztin für somatische Medizin bei Neurodivergenz erkläre ich dir, was Neurodivergenz wirklich bedeutet und warum deine körperlichen Symptome dabei so wichtig sind.
Neurodivergenz: Dein Gehirn ist nicht falsch, es ist anders
Neurodivergenz bedeutet ganz einfach: Dein Gehirn funktioniert anders als das der neurologischen Mehrheit. Nicht schlechter. Nicht kaputt. Einfach anders. Anders richtig.
Stell dir vor, die meisten Menschen hätten ein Windows-Betriebssystem im Kopf. Du hättest ein Mac-System. Beide funktionieren wunderbar – sie machen nur manche Dinge unterschiedlich.
Der Begriff kommt aus der Neurodiversitätsbewegung der 1990er Jahre. Autismus-Aktivist*innen wollten weg von der Idee, dass anders gleich krank bedeutet. Sie sagten: "Unser Gehirn ist eine natürliche Variation, keine Störung."
Du bist neurotypisch oder neurodivergent
Neurotypisch: Dein Gehirn entspricht dem, was die Gesellschaft als "normal" ansieht
Neurodivergent: Dein Gehirn weicht von diesem Standard ab
Wichtig: Es gibt kein "besser" oder "schlechter". Es gibt nur "anders". Beides ist richtig.
Neurodivergenz ist ein riesiges Spektrum
Wenn du an Neurodivergenz denkst, fallen dir wahrscheinlich ADHS und Autismus ein. Das ist völlig verständlich – sie sind am bekanntesten. Aber das Spektrum ist so viel bunter und vielfältiger:
ADHS – Wenn dein Gehirn auf Dauersendung ist
Kennst du das?
Deine Gedanken springen von einem Thema zum nächsten
Du vergisst ständig Dinge, aber erinnerst dich an Details von vor zehn Jahren
Stillsitzen fühlt sich an wie Folter - oder deine Gedanken rasen permanent ("inneres ADHS")
Du wirst von allem abgelenkt – oder fokussierst so sehr, dass du die Welt um dich vergisst
Besonders bei Frauen wird ADHS oft übersehen. Wir sind die "Träumerinnen", die innerlich hyperaktiv sind, während wir nach außen ruhig wirken.
Autismus – Wenn die Welt zu laut, zu hell, zu viel ist
Vielleicht erkennst du dich hier wieder:
Sozialer Smalltalk fühlt sich an wie ein Fremdsprachentest
Du brauchst Routinen, um dich sicher zu fühlen
Manche Geräusche, Lichter oder Berührungen sind unerträglich
Du hast Spezialinteressen, in die du völlig abtauchen kannst
Du "maskierst" – spielst eine Rolle, um dazuzugehören, bis du völlig erschöpft bist
Wichtig: Autismus sieht bei jedem Menschen anders aus. Manche sind sehr eloquent und "unauffällig", andere brauchen mehr Unterstützung.
Dyslexie – Wenn Buchstaben tanzen
Lesen war schon in der Schule eine Qual
Du siehst Wörter, aber dein Gehirn braucht länger, sie zu entschlüsseln
Gleichzeitig bist du vielleicht brillant im räumlichen Denken oder sehr kreativ
Dyskalkulie – Wenn Zahlen Hieroglyphen sind
Mathematik fühlt sich an wie eine Fremdsprache
Du hast Schwierigkeiten mit Zeit- und Raumgefühl
Trotzdem kannst du in anderen Bereichen außergewöhnlich begabt sein
Tourette-Syndrom – Wenn dein Körper sein eigenes Ding macht
Du hast unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen
Das ist kein "böser Wille" – dein Nervensystem tickt einfach anders
Oft kommt Tourette mit anderen neurodivergenten Besonderheiten zusammen
Hochsensibilität – Wenn du alles intensiver spürst
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die:
Emotionen anderer wie einen Schwamm aufsaugen
Von Menschenmengen schnell überfordert sind
Musik, Kunst oder Natur sehr intensiv erleben
Feine Nuancen wahrnehmen, die anderen entgehen
Und noch so viel mehr...
Synästhesie: Du siehst Zahlen in Farben oder schmeckst Musik
Hyperlexie: Du konntest früh lesen und bist fasziniert von Worten
Apraxie: Dein Gehirn weiß, was es will, aber die Bewegung kommt nicht richtig an
Die Liste könnte noch endlos weitergehen. Neurodivergenz ist bunt und vielfältig. Und meist treten verschiedene Facetten auch gemeinsam auf.
Körperliche Symptome bei Neurodivergenz: Was die Medizin oft übersieht
Hier wird es interessant – und das ist etwas, was in der klassischen Medizin oft übersehen wird:
Neurodivergenz zeigt sich nicht nur im Kopf. Sie zeigt sich im ganzen Körper.
Das ist der Grund, warum ich als Ärztin für somatische Medizin bei Neurodivergenz arbeite – nicht als Psychotherapeutin.
Wenn dein Nervensystem Vollgas fährt
In meiner Praxis sehe ich täglich körperliche Beschwerden bei neurodivergenten Menschen:
Chronische Erschöpfung, weil du ständig versuchst, in einer Welt zu funktionieren, die nicht für dich gemacht ist
Magen-Darm-Probleme, weil dein Nervensystem unter Dauerstress steht
Schlafstörungen, weil dein Gehirn nicht zur Ruhe kommt
Kopfschmerzen, wenn die Welt zu laut und zu hell ist
Muskelverspannungen, weil du dich ständig anspannst
Kreislaufprobleme, besonders bei ADHS häufig
Hypermobilität – Wenn deine Gelenke zu beweglich sind
Besonders bei autistischen Menschen sehe ich oft körperliche Symptome:
Überbewegliche Gelenke
Häufige Verletzungen oder Schmerzen
Das Gefühl, nicht richtig in deinem Körper "zu wohnen"
Koordinationsprobleme
Manchmal steckt dahinter ein Ehlers-Danlos-Syndrom – eine (in diesem Fall nicht genetisch nachweisbare) Bindegewebsschwäche, die oft mit Neurodivergenz einhergeht.
Wenn dein Immunsystem überreagiert
Manche neurodivergente Menschen haben auch körperliche Beschwerden durch:
Häufige "allergische" Reaktionen ohne nachweisbare Allergie
Probleme mit Histamin
Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die plötzlich auftauchen
Das nennt sich Mastzellaktivierung – dein Immunsystem ist einfach besonders wachsam.
Erkennst du dich wieder? Wann es Zeit für eine ärztliche Abklärung ist
Du warst schon immer "anders"
Als Kind warst du "zu sensibel", "zu verträumt" oder "zu lebhaft"
Du hattest das Gefühl, anders zu sein, wusstest aber nicht warum
Sozialer Kontakt war anstrengend oder verwirrend
Du hattest intensive Interessen oder warst sehr detailorientiert
Dein Alltag ist eine ständige Herausforderung
Du bist chronisch erschöpft, obwohl du "nichts Besonderes" machst
Organisation und Struktur sind schwierig – oder du brauchst sie zwingend
Nach sozialen Kontakten brauchst du erstmal Ruhe
Du fühlst dich oft missverstanden oder fehl am Platz
Deine medizinische Geschichte ist ein Puzzle ohne erkennbares Bild
Du warst schon bei vielen Ärzten, aber niemand konnte dir wirklich helfen
Du hast verschiedene körperliche Diagnosen, aber sie ergeben zusammen keinen Sinn
Therapien haben nur teilweise geholfen
Du hast das Gefühl, dass da noch etwas anderes ist
Du hast besondere Stärken
Du siehst Details, die anderen entgehen
Du bist sehr kreativ oder denkst "außerhalb der Box"
Du kannst dich stundenlang in Themen vertiefen, die dich interessieren
Du bist sehr empathisch oder hast einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn
Warum eine spezialisierte ärztliche Sicht wichtig ist
Das Problem: Medizin in Schubladen
Die klassische Medizin funktioniert oft so:
Du gehst zum Neurologen mit Kopfschmerzen
Zum Gastroenterologen mit Bauchproblemen
Zum Orthopäden mit Gelenkschmerzen
Zum Psychiater mit Stimmungsproblemen
Jeder schaut nur auf sein Fachgebiet. Das große Bild geht verloren.
Mein Ansatz: Somatische Medizin bei Neurodivergenz
Als Ärztin für somatische Medizin mit eigener neurodivergenter Perspektive sehe ich das anders:
Ich schaue nicht nur auf Symptome. Ich schaue auf dich als ganzen Menschen – medizinisch, nicht psychotherapeutisch.
Was ich anbiete:
Körperliche Symptome bei Neurodivergenz medizinisch abklären
Radiologische Zweitbefunde als Fachärztin
Medizinische Befundintegration statt Schubladendenken
Ganzheitliche ärztliche Betrachtung
Was ich NICHT anbiete:
Psychotherapie oder Verhaltenstherapie
ADHS/Autismus-Erstdiagnose (Verweis an Fachkollegen)
Psychologische Beratung
Deine körperlichen Beschwerden ernst nehmen
Deine Kopfschmerzen könnten von Reizüberflutung kommen
Deine Bauchprobleme von chronischem Stress durch Maskieren ("Masking")
Deine Gelenkprobleme von Hypermobilität
Deine Erschöpfung von der Anstrengung, anders zu funktionieren
Radiologische Zweitbefunde sind dabei besonders wertvoll. Als Radiologin kann ich bildgebende Untersuchungen aus einer neurodivergenz-informierten Perspektive betrachten. Manchmal verstecken sich wichtige Hinweise in MRT-Bildern, die übersehen wurden.
Befundintegration: Deine medizinische Geschichte ergibt endlich Sinn
Ich sammle alle deine bisherigen medizinischen Befunde:
Laborwerte
Bildgebung (MRT, CT, Röntgen)
Arztbriefe
Fachärztliche Gutachten
Und dann schaue ich, wie sie zusammenpassen könnten. Oft ergibt sich plötzlich ein stimmiges medizinisches Bild. Ein Bild, auf dessen Basis man neue Ansätze finden kann, deine körperlichen Symptome zu verstehen und zu behandeln.
Neurodivergenz verstehen, nicht pathologisieren
Lass mich das klar sagen: Neurodivergenz zu erkennen bedeutet nicht, dass du dich hinter einer "Diagnose versteckst".
Es bedeutet:
Du verstehst endlich, warum
Warum manche Dinge für dich körperlich so anstrengend sind
Warum du anders auf Reize reagierst als andere
Warum du schon immer das Gefühl hattest, anders zu sein
Du kannst aufhören, dich zu verurteilen
Du bist nicht faul, wenn du nach sozialen Kontakten körperlich erschöpft bist
Du bist nicht überempfindlich, wenn dir Geräusche körperlich wehtun
Du bist nicht chaotisch, wenn dein Gehirn und dein Körper anders organisiert sind
Du kannst deine Stärken erkennen
Neurodivergenz bringt wunderbare Eigenschaften mit sich:
Hyperfokus: Du kannst dich stundenlang in etwas vertiefen
Detailgenauigkeit: Du siehst, was anderen entgehe
Kreativität: Du denkst außerhalb gewohnter Bahnen
Empathie: Du spürst die Emotionen anderer intensiv
Authentizität: Du bist du selbst, ohne Verstellung
Gerechtigkeitssinn: Du kämpfst für das, was richtig ist
Was kannst du jetzt tun?
Schritt 1: Sei achtsam mit dir
Führe ein Tagebuch über deine Energie, körperliche Reaktionen, Symptome
Sammle deine medizinischen Unterlagen
Frage dich: In welchen Situationen geht es mir körperlich gut? Wann wird es schwierig?
Schritt 2: Such dir spezialisierte ärztliche Unterstützung
Eine ärztliche Einschätzung deiner körperlichen Symptome kann Klarheit bringen
Wichtig: Finde jemanden, der Neurodivergenz aus medizinischer Sicht versteht
Lass deine körperlichen Beschwerden ganzheitlich betrachten
Schritt 3: Finde deine Community
Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen
Tausche dich mit anderen neurodivergenten Menschen aus
Online-Communities können sehr unterstützend sein
Schritt 4: Entwickle körperliche Bewältigungsstrategien
Was hilft dir körperlich bei Reizüberflutung?
Wie kannst du deine körperliche Energie einteilen?
Welche Umgebungen tun deinem Körper gut?
Du bist nicht kaputt – du bist anders. Und das ist wundervoll.
Neurodivergenz ist keine Krankheit, die geheilt werden muss. Es ist eine andere Art, die Welt zu erleben – mit Kopf UND Körper. Eine Art, die ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringt, aber auch ihre eigenen Geschenke.
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, dann lass mich dir sagen: Du bist richtig, so wie du bist.
Vielleicht brauchst du andere körperliche Strategien als die meisten Menschen. Vielleicht funktioniert dein Nervensystem in einer anderen Geschwindigkeit. Vielleicht nimmst du körperliche Reize intensiver wahr als andere.
Das macht dich nicht weniger wertvoll. Es macht dich zu dir.
Es geht nicht darum, dich zu "reparieren". Es geht darum, dich medizinisch zu verstehen, deine körperlichen Symptome ernst zu nehmen und Wege zu finden, wie du in dieser Welt gut leben kannst – als die Person, die du wirklich bist.
Brauchst du ärztliche Unterstützung für deine körperlichen Symptome bei Neurodivergenz?
Falls du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast und dir eine ärztliche Einschätzung deiner körperlichen Beschwerden wünschst: Ich bin da.
Als Ärztin für somatische Medizin mit eigener neurodivergenter Perspektive helfe ich dir dabei, die losen Enden deiner medizinischen Geschichte zusammenzuführen. Gemeinsam schauen wir, was deine körperlichen Symptome bedeuten könnten und wie wir dir medizinisch helfen können.
Wichtig: Ich biete medizinische Diagnostik und Beratung - keine Psychotherapie.
In einem kostenlosen 15-Minuten-Erstgespräch lernen wir uns kennen und schauen, ob mein medizinisches Angebot zu dir passt.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei Fragen zu deiner Gesundheit wende dich an eine qualifizierte Ärztin oder einen Arzt.
Über mich: Ich bin Prof. Dr. med. Bettina Baeßler, Ärztin für somatische Medizin bei Neurodivergenz und Radiologin. Als neurodivergente Person kenne ich die körperlichen Herausforderungen aus eigener Erfahrung. In meiner Praxis Innenspur begleite ich Menschen dabei, ihre medizinischen Puzzleteile zusammenzusetzen und körperliche Beschwerden bei Neurodivergenz zu verstehen.
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